Gedenkkolloquium "Otto Blumenthal"
von Hubertus Th. Jongen (Aachen)

Anläßlich der Stiftung einer Gedenktafel für Otto Blumenthal sowie deren Enthüllung im Hauptgebäude der RWTH-Aachen fand dort am 18.April 1997 ein Gedenkkolloquium statt.
Aloys Krieg organisierte das Kolloquium, und Hubertus Th. Jongen, Sprecher der Fachgruppe Mathematik der RWTH, hielt die Eröffnungsansprache.
Im wissenschaftlichen Teil trug zunächst Gerhard Jank (Aachen) über das funktionentheoretische Werk Blumenthals vor. Insbesondere beschrieb er seine Arbeiten, die in die Nevanlinna-Theorie einflossen, und sich daraus ergebende aktuelle Fragestellungen. Im zweiten Vortrag sprach Eberhard Freitag (Heidelberg) über Modulmannigfaltigkeiten kleiner Dimension. Besonders wurde hierin die Bedeutung der Hilbert-Blumenthal-Flächen für die aktuelle Arbeit über Modulformen zu orthogonalen Gruppen herausgestellt.

Es folgt die Eröffnungsansprache:
" Magnifizenz, meine sehr geehrten Damen und Herren,
draußen vor der Tür dieses Hörsaals hängt eine kalte, graue Marmortafel, in die Otto Blumenthals Name eingraviert ist. Anders als die daneben plazierte, mit Blattgold geschmückte Tafel aus Königs Zeiten, aus den ersten Tagen der Aachener Hochschule, brilliert sie durch ihre Schlichtheit: eine Silhouette der Zeitlosigkeit.
Die Geschichte Deutschlands in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts passiert in aller Stille, dennoch in nicht mißzuverstehender Weise, Revue, während man die stattlichen Treppen des Häuptgebäudes der RWTH zu dieser Tafel hinaufschreitet.
Zum heutigen Gedenkkolloquium, meine verehrten Damen und Herren, möchte ich Sie herzlich begrüßen.
Ihr Interesse trägt dazu bei, daß der aus der Fachgruppe Mathematik der RWTH stammenden Initiative zum Festhalten und Kundgeben neuerer einschneidender Geschichte im Umfeld unserer Hochschule Rechnung getragen wird. Hierbei möchte ich betonen, daß diese Idee, ungeachtet jüngerer Entwicklungen, schon seit vielen Jahren bei mehreren Kollegen aus der Fachgruppe lebendig ist.
Otto Blumenthal wurde am 20. Juli 1876 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte in Göttingen und promovierte dort als erster Doktorand des berühmten Mathematikers David Hilbert. Nach einem kurzen wissenschaftlichen Aufenthalt in Paris habilitierte er in Göttingen über sogenannte Modulfunktionen von mehreren Veränderlichen. Auf Vorsprache von Arnold Sommerfeld, inzwischen von Göttingen nach Aachen gewechselt, wurde Otto Blumenthal 1905 auf den ersten Lehrstuhl für Mathematik an dieser Hochschule berufen.
Treu war er unserer Hochschule als engagierter akademischer Lehrer bei der Bewältigung der schweren Aufgabe, mathematische Vorlesungen für die Studierenden der Ingenieurfakultäten zu gestalten.
Treu auch seinem Vaterlande, als es im zweiten Dezennium dieses Jahrhunderts galt, die Pflicht zu erfüllen...
Zurückgekehrt an die Hochschule engagierte sich Otto Blumenthal unermüdlich weiter; u.a. gründete er 1922 das Außeninstitut der TH Aachen, war mehrere Jahre dessen Vorsitzender und übernahm in derselben Zeit die zusätzlichen umfangreichen Aufgaben höherer theoretischer Vorlesungen für die Lehramtskandidaten und Fachmathematiker.
In den dreißiger Jahren wird jedoch all diesem grausam und unwiderruflich ein jähes Ende gesetzt, als Teile der Aachener Studentenschaft ihn als angeblichen Kommunisten denunzieren, daraufhin die SS ihn in sogenannte Schutzhaft nimmt, das Ministerium ihn von seiner Tätigkeit als Hochschullehrer beurlaubt und einige Monate später sogar entläßt, und zwar aus politischen Gründen; 1938 erfolgt für den als sogenannter Volljude klassifizierten Blumenthal das Arbeitsverbot in Deutschland.
Von Kollegen aus den Niederlanden wird er anschließend, zusammen mit seiner Frau, in Vaals aufgenommen; jedoch ..., es ist schon zu spät.
Seine Frau verscheidet bereits 1940 in einem Sammellager und selber findet er schließlich, als Folge einer Lungenentzündung, Erlösung im Krankenhaus des Konzentrationslagers Theresienstadt.
Man schreibt das Jahr 1944 ...

Inzwischen sind mehr als fünfzig Jahre vergangen, und es werden nach wie vor Kriege geführt und Menschenrechte verletzt. Die traurigen Folgen dessen werden uns tagtäglich, begleitet von den schrecklichsten Bildern, in den Medien vorgeführt.
Es ist zum Verzweifeln, aber wir dürfen es nicht. Wir sind es Otto Blumenthal und allen andern schuldig, uns einzusetzen für die Achtung der menschlichen Würde.
Gerade an einer Hochschule, wo doch Studierende vorbereitet werden auf Führungsaufgaben in der Gesellschaft, sollten Verantwortungsbewußtsein und Einsatzbereitschaft sowie Toleranz und Offenheit anderem Glauben, anderen Rassen, Kulturen, Nationalitäten und Lebensweisen gegenüber als fundamentale Merkmale verankert sein .
In diesem Zusammenhang trägt die glückliche Lage Aachens am Dreiländereck nach wie vor zu einer sich immer weiter entfalteten europäischen Völkerverständigung bei.

C'est pourquoi, Mesdames et Messieurs, je voudrais ajouter quelques mots en français et en néerlandais.
Personnellement, du fond de mon coeur, j'espère qu'il sera de cette plaque commémorative comme d'un miroir: le temps d'une réflexion pour tous les professeurs, ainsi que pour tous les étudiants, en effet pour chacun et chacune qui s'arrêtera devant-elle.
C'est l'instant venu de la poésie et du poète qu'était Paul Valéry, un contemporain de Otto Blumenthal. Paul Valéry, entre autre, fut nommé 1933 administrateur du Centre universitaire méditerraneén, à Nice, fonction, dont il fut destitué en 1941. Il était professeur au Collège de France, un homme de lettre et de poésie, passionné de mathématiques.

" Un monument dont toutes les ombres par lui et par
ses parties projetées seraient belles,
formaient des dessins changeants.
Une sorte d'édifice projetait une silhouette."
(Paul Valéry)

Geachte Dames en Heren,
ter afsluiting wil ik aandacht schenken aan interessante universitaire ontwikkelingen in de Euregio. Gedurende de laatste tijd zijn er hechte banden ontstaan tussen de universiteiten in Aken, Luik, Maastricht en Diepenbeek, geformaliseerd in het zogenaamde ALMA-verdrag.
Ook hier heeft de Akense wiskunde afdeling in de beginfase het voortouw genomen; o.a. geven reeds enige hoogleraren uit Maastricht colleges aan de RWTH-Aken en vinden er uitwisselingen plaats op zowel doctoraal als postdoctoraal niveau.
Dit unieke euregionale samenwerkingsverband biedt een additioneel fundament voor een bloeiende toekomst voor onze universiteiten en ik ben ervan overtuigd, dat dit alles geschiedt in de geest van Otto Blumenthal.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich möchte Sie bitten, sich zu erheben, um Otto Blumenthal im Stillen zu gedenken.

Ich danke Ihnen. "

Literatur:

1. P.L.Butzer, U.Kalkmann, A.Krieg, L.Volkmann: "Otto Blumenthal 1876-1944".
In: Wissenschaft zwischen technischer und gesellschaftlicher Herausforderung;
die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen 1970-1995 (Ed.:Klaus Habetha).
Einhard Verlag,pp.186-195 (1995).

2. Paul Valéry: "La Jeune Parque". Éditions Gallimard (1917).